FACHARTIKEL
15.4.1988
Der Wirtschaftsredakteur
MENSCH UND MASCHINE
Der Mensch schlägt neue Brücken zu seiner Maschine. Der Computer auf unseren Schreibtischen erledigt das Rechnen, Schreiben, Zeichnen und Speichern in Sekundenschnelle. Doch plötzlich entpuppt sich der PC auch als charmanter Plauderer und geduldiger Zuhörer. Das elektronische Ohr und der Maschinen-Mund machen es möglich. Absolute Perfektion bei der Spracherkennung gibt es noch nicht, aber der Tag X, an dem die ersten Tastaturen auf dem Müll landen, kommt immer näher.
Ein Fallbeispiel: Ohne Frühstück hetzen Sie ins Büro. Im Ablagekörbchen an Ihrem Arbeitsplatz landet ein zehnseitiger Jahresbericht und Sie sollen eine ebenso lange Bewertung zu Papier bringen. Jetzt tritt erst einmal der "Scanner" in Aktion. Das Gerät dient normalerweise dazu, ein Foto auf Ihren grafischen Bildschirm zu zaubern. Es zerlegt das Bild in abertausende einzelner Punkte (Pixel) und baut es im Monitor wieder auf. "Digitalisieren" nennt der Fachmann diesen Vorgang. Wenn der Scanner aber nun einen Text "zum fressen" bekommt, erkennt er die Buchstaben auch nur als Grafik. So ruft der Anwender ein Programm auf, das ein "Text-Bild" in einen "Text-Text" umwandelt. So scannen Sie schließlich einen Text ein und bearbeiten ihn völlig normal mit Wordstar und Konsorten weiter. Stundenlange Eingabe-Torturen fallen endlich flach!
Wer bereits von einem Scanner geträumt hat, schätzt ein dickes Sparschwein: Bei rund 4000 Mark beginnt die Preisklasse für ein solides Lesegerät im DIN A4-Format. Der billige Jakob unter den Scannern ist der "Handy Scanner" für mittlerweile 500 Mark. Er besitzt fast Postkarten-Größe, einen Kontrast-Regler und guten Teamgeist in Zusammenarbeit mit gängigen Mal-Programmen (Probleme mit WINDOWS). Wer vor Freude über einen neuen "Handy Scanner" zu zittern beginnt, muß erst einmal relaxen: Nur eine absolut ruhige Hand schafft es, das Gerät mit guten Ergebnissen über die Vorlage hinwegzufahren.
Weitere 200 Mark kostet die Software "Handy Reader", die eingescannte Texte in echte Texte umwandelt. Nachdem "Handy Reader" eben frisch aus dem Entwicklungslabor geliefert wurde, treten zuweilen bei der Texterkennung Kinderkrankheiten auf, die überhaupt erst ab einer zehn-Punkt großen Schrift möglich ist. Nun haben Sie Ihren Jahresbericht eingelesen und treten zum Frühstück an. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand ordern Sie ihren PC, den Jahresbericht schlicht vorzulesen. Hier freut sich das Sparbuch: Für banale 22 Mark wandert "PC Speech" in Ihren Besitz (Computer Solutions, München). Sie tippen nur noch "Read" und den Dateinamen ein, schon sprudeln aus dem Lautsprecher die Daten. Erwarten Sie allerdings für 22 Mark keinen Radiosprecher - die Computer-Stimme hat noch niemand aus dem Sessel gerissen. Und da "PC Speech" in den USA geboren wurde, meldet der maschinelle Plauderer bei den deutschen Umlauten nur ein "Kontrollzeichen". Heimische Programmierer sitzen schon an einer Lösung.
Nun ist Ihre Kritik zum Jahresbericht gefragt. Da kommt es wie gerufen, da Ihr sprechender PC auch zuhören kann. Die richtigen Zutaten dafür machen's möglich: Eine Sprach-Karte (Hardware) in den Innereien des Computers, ein Mikrofon und die entsprechende Software - fertig. "VoiceKey" heißt eines der Sprachsteuersysteme und arbeitet mit allen herkömmlichen Programmen (KRS, Burscheid, Tel. 02174-5015). Sie sprechen, er notiert. Spricht der Kollege, streikt der PC, denn "VoiceKey" reagiert nur auf Ihr persönliches Stimm-Spektrum (Zugangs-sicherheit).
Das perfekte Schreiben nur mit dem Mikrofon dürfte erst in einigen Jahren möglich sein. Probleme tauchen beim Wortschatz auf (begrenztes PC-Vokabular), bei der Sprach-Erkennung (zum Trennen zweier Worte verlangt die Maschine nach großzügigen Sprechpausen, Dialekte) und beim Stimmen-Spektrum (vom Tenor zur Fistelstimme). Die Forscher arbeiten bereits auf Hochtouren. Das, was der Scanner mit dem Foto macht (in digitale Signale umsetzen), kann die "Audio-Card" bereits mit dem Wort. Hier gibt der PC den gesprochenen Satz nicht auf dem Bildschirm, sondern im Originaltton aus dem Lautsprecher wieder. Allerdings läuft ein 512-Kilobyte starker Arbeitsspeicher bei mehr als 90 Sekunden Aufnahme schon über.
Für die Dolmetscher könnte es bald düster aussehen: Übersetzungs-programme reifen in den Labors heran. Und der Computer leistet Akkordarbeit: Während der Übersetzer rund 250 Wörter in der Stunde schafft, spuckt der elektronische Kollege an die 300.000 in der gleichen Zeit aus. Natürlich bleibt dabei das "Sprachgefühl" auf der Strecke und bei einem "Punkt" weiß das Gerät immer noch nicht, ob der Satz zu Ende ist oder eine Abkürzung gemeint war.
Der vorlesende und zuhörende PC ist also geboren und wächst heran. Ein System mit viel Horizont: Der blinde Anwender "hört" die Tageszeitung oder andere Schriftstücke, der taube Mensch "hört" das gesprochene Wort. Aber auch im Büro-Alltag weht ein neuer Wind: Ellenlange Eingabearbeiten für Datenbanken, das "Durchackern" von komplizierten Texten und die stumme Kommunikation Mensch-Maschine haben ein Ende. Das Telefon dient zukünftig als "akustischer Briefkasten" (Chip, 3/88) und die Papierflut speckt nochmals ab. Auch der Journalist profitiert davon: Am Ort des Geschehens spricht er seine Reportage sozusagen direkt in die Satz-Maschine. So verwandelt sich das gesprochene Wort binnen Sekunden in ein Druckwerk. Das Problem: Wer kann schon aus dem Stand heraus eine druckreife Story sprechen?
1.71988
Der Wirtschaftsredakteur
DAS BILD AUS DER STECKDOSE
Die EDV hält in den Redaktionsstuben rasanten Einzug. Vor knapp zehn Jahren zählten die Statistiker rund 250 PC-Bildschirme in bundesdeutschen Redaktionen. Heute hackern bereits 9.900 Journalisten der Tagespresse an über 6.000 Monitoren. Die elektronische Textgestaltung arbeitet schnell und ist nahezu perfekt. Auffälligster Schwachpunkt auf dem Weg zur restlos computergestylten Zeitung: Die Fotografie.
Für einen sauberen Abzug muß der Fotograf immer noch mindestens eine Stunde die Dunkelkammer hüten. Der Fotosetzer bei der Zeitung wartet bereits darauf, das Bild zu rastern und auf die rechte Größe bringen zu können. Das kostet Zeit - gerade bei hochaktuellen Ereignissen, die noch ins Blatt müssen. Bietet die neue Technik hier noch keine neuen Alternativen?
Fest steht: Der Computer kann Bilder verarbeiten, indem er das Motiv in einzelne Bildpunkte (Pixel) zerlegt und das Foto als Zahlenkolonne ablegt. Ein Vorgang, der viel Speicherplatz benötigt. "Ein Bild sagt mehr als 100.000 Worte", meint FAZ-Fotograf Christian Pohlert in Bezug auf die Datenmenge. 1,5 Megabyte Speicherplatz kostet dem Anwender ein Foto auf dem Negativstreifen, eben soviel wie 100.000 Worte.
In der Auflösung zieht jedoch das Bild aus der Steckdose den Kürzeren. Ein Negativ-Bild im Kleinbildformat setzt sich aus knapp 19 Millionen Pixel zusammen. Der CCD-Chip, das Herzstück der neuen Computer-Kamera (Fachname: Still-Video), leistete bislang nur rund 400.000 Pixel. Soviel hat in etwa ein Kleinbildfilm mit 400 ASA , der zwar lichtempfindlicher reagiert, dafür aber grobkörniger ausfällt.
Still-Video-Marktführer Canon präsentierte im Januar dieses Jahres den Nachfolger der elektronischen Standbildkamera RC 701, die "RC 760". Das 8.500 Mark teure Gerät leistet bereits 600.000 Pixel pro Bild. Durch einen Umschalter kann der Fotograf wahlweise 25 oder 50 Bilder auf einer Diskette unterbringen, muß jedoch bei 50 Fotos auf mehr Auflösungs-Qualität verzichten. Nach dem Fototermin legt der Redakteur die Diskette in den Still-Video-Rekorder und der Drucker spuckt binnen 90 Sekunden ein 9 x 13 Foto aus (bei Farbe dauert der Druck drei Minuten).
Das Interesse sei " enorm hoch", so Werner Ortner von der Canon-Euro-Photo, "der Absatz jedoch ist noch nicht im dreistelligen Bereich". Zehn Benutzer arbeiten in der Bundesrepublik bereits erfolgreich mit dem Still-Video-System. Einer der ersten Käufer war das ZDF. Die Hintergrund-Bilder bei den Nachrichtensendungen kommen aus dem Computer. Für Titelseiten von Zeitschriften oder großformatige Fotos reicht das System noch nicht aus, aber für kleinere Rasterbilder und das Fernsehen entpuppte sich Still-Video als Retter in der Zeitnot. Neben dem ZDF setzen auch Springer, Siemens und die Post auf Steckdosen-Bilder.
Neuester Kunde von Canon ist das Fußball-Blatt "Kicker". Rechtzeitig zur Europameisterschaft hängten sich die Kicker-Reporter Still-Videos um und schickten die Torbilder direkt von der Telefonzelle neben dem Stadion per Akustikkoppler in die Büros. 3,5 Kilogramm wiegt der "Transceiver" RT 971, der ein Farbfoto binnen 180 Sekunden durch das Telefonnetz jagt.
Der Mann an der Empfänger-Maschine kann jedes Foto nach Belieben variieren. Kontrast, Helligkeit, Farben und Hintergründe verändern sich per Knopfdruck. So mancher Bild-Journalist erkennt sein Foto nach dem Druck nicht mehr wieder: Er schießt nur sein Motiv, die künstlerische Nachbearbeitung erledigt der Mann am Bildschirm. "Da wird" für Pohlert "ein kompetenter Mitstreiter am Monitor erforderlich".
Die Preise für Still-Video-Systeme bewegen sich noch in höheren Sphären: Die Kamera ohne Objektiv kostet 3.500 Mark, das Weitwinkel-Objektiv 1.800 Mark, der Rekorder 5.500 Mark.Der Farbdrucker schlägt mit 13.000 Mark zu Buche und der Transceiver verschlingt knapp 40.000 Mark. Dabei genügt die Auflösung gerade den Ansprüchen von Tageszeitungs-Bildern. Doch wer aktuell sein will und keine Kunstdrucke verlangt, kann problemlos "still-videografieren". "Man kann seine Bilder rechtzeitig an den Mann bringen", lobt Pohlert die neue Technik,denn "bis jetzt hinken wir immer den Textern hinterher".
Für den Amateur-Fotografen hat Minolta ein Bonbon in der Schublade: Bei den Minolta Spiegelreflex-Kameras 7000 und 9000 muß nur die Gehäuseklappe durch eine Still-Video-Rückwand ersetzt werden - schon schießt der Urlauber seine Fotos digital. Der Benutzer legt keinen Film mehr ein, sondern eine 2-Zoll-Diskette. Die Licht-Empfindlichkeit entspricht der eines 200-ASA-Kleinbildfilms. Eine Markteinführung ist jedoch im Moment noch nicht im Gespräch.
16.8.1988
Der Wirtschaftsredakteur
EIN DATEN-FASS OHNE BODEN
Haben Sie schon mal 25 Bände des schwergewichtigen Brockhaus-Lexikons in den ersten Stock geschleppt? Dann wissen Sie sicher eine neue Technik namens CD-ROM zu schätzen: Den ganzen Brockhaus und noch einige Beigaben auf einer kleinen Scheibe mit nicht ganz zehn Gramm Eigengewicht und zwölf Zentimetern Durchmesser.
Dabei geht es nicht nur um die Entlastung des Bizeps oder des Bücherschranks. Auch als Speichermedium glänzt die "Compact Disk" mit ihrem regenbogenfarbenen Schein. Die Geburt der "Compact Disk" (CD) 1982 als neues Musikmedium ließ die Wohnzimmer-Boxen vibrieren. Durch berührungsloses Abtasten der Musik mittels Laserstrahl aus einem Millimeter Entfernung fielen bislang lästige Platten-Platitüden wie Rauschen, Knacken oder Hängenbleiben der Nadel weg. Die CD ließ HiFi-Hörer aufhorchen.
Auch in der Computer-Szene hielt die CD vor knapp zwei Jahren Einzug. Der Gedanke, daß eine einzige Compact Disk rund 32 Festplatten mit 20 Megabyte speichern kann, verursachte bei PC-Anwendern ein Kribbeln. 650 Megabyte schluckt eine CD - das sind umgerechnet 200.000 Seiten Text, 6100 hochwertige Farbgrafiken, 74 Minuten Musik oder eben 25 Bände Brockhaus. Nicht genug der Superlative: Binnen einer Millisekunde greift das CD-Gerät auf jede Information zu (bei einer Festplatte rund 40 bis 60 Millisekunden). Einziger Wermutstropfen: Die CD-ROM kann nur gelesen (Read Only Memory), nicht aber beschrieben werden. Doch die Labors arbeiten bereits auf Hochtouren.
Wer dieses Daten-Faß ohne Boden nutzen möchte, muß erst einmal investieren. Ein herkömmlicher CD-Player nützt gar nichts. Zum Lesen der CD's muß ein CD-ROM-Spieler neben den PCstehen - beide kommunizieren dann über eine serielle Schnittstelle. Das Ding kostet um die 2000 Mark - so zum Beispiel der Hitachi CDR 1503S. Das Gerät schlägt gleich zwei Fliegen mit einem Laufwerk: Es liest nicht nur Daten, sondern spielt zwischendurch auch mal Beethoven oder Beatles über die heimische Stereoanlage, was andere Geräte nicht können. Da der CD-ROM-Player nicht von der normalen Betriebssystem-Ebene aus angesprochen werden kann, liegt allen Scheiben eine extra Diskette mit einem Abfrage-Programm bei.
Die Liste der erhältlichen Compact Disks für CD-ROM ist sechs Seiten lang (kleingedruckt). Da gibt es Scheiben mit der gesamten englischen Literatur, 20.000 Videotiteln oder sämtliche meteorologischen Studien der nördlichen Hemisphäre zwischen 1940 und 1980. In der Bundesrepublik teilen sich rund ein halbes Dutzend Firmen den CD-ROM-Markt. Die Anschaffung einer CD-ROM währt nicht lebenslang: Die meisten Daten werden einmal im Jahr aktualisiert, dann bekommt der Käufer ein sogenanntes "Update".
Press-frisch ist zum Beispiel das "ABC der deutschen Wirtschaft" aus dem gleichnamigen Verlag (900 Mark). Mit dem Stand von März 1988 liefert die Compact Disk "75.039 firmenkundliche Informationen über deutsche Unternehmen aus 68 Bereichen". Dabei kann der Anwender zwischen deutscher, englischer und gemischter Abfrage wählen. Das Such-System glänzt durch Flexibilität: Jedes der 34 Felder kann mit einer Eingabe angesprochen werden. Wenn der Benutzer zum Beispiel wissen will, welche Firmen nach Lappland liefern, dann gibt er im Feld "Export nach:" nur "Lappland" ein und läßt suchen. Weitere Felder beschreiben Prokuristen, Gründungsjahr, Bankverbindungen, Kapital und ausländische Filialen. Natürlich lassen sich alle Daten ausdrucken, ob in eine externe Datei oder auf Brief-Etiketten (weitere Informationen unter 06151/33411-13).
Einer der bundesdeutschen Produzenten ist der Berteismann Computer Beratungsdienst (040/237001-0). Gute Arbeit leistet deren CD-ROM "liefern & leisten", die das gesamte deutsche Branchen-Fernsprechbuch ausspuckt. Die 250.000 Adressen auf der kleinen Scheibe stammen aus 52 Wirtschaftsgruppen und 4.500 Branchen (980,-- Mark). Weitere Titel sind "SilverDAT" (alle Automobildaten), oder die Gemeinschafts CD-ROM (Orts-und Straßenverzeichnis der Bundespost, 300 Mark).
Dataware 2000 bietet eine 20bändige Enzyklopädie (englisch) auf CD-ROM an. Neun Millionen Wörter stehen abrufbereit und lassen sich auf 10.000 Seiten ausdrucken. 2.500 Leute saßen an der Herstellung des Lexikons, für das umgerechnet 1.500 Disketten bespielt werden müßten - oder eben eine CD. Die Suche nach "CHIP" liefert zum Beispiel 18 Einträge, vom "Worid War I" bis "Microcomputer". Sogar "Jimmy Carter" hat etwas mit "Chip" zu tun: Sein Sohn James Earl Carter III wird "Chip" gerufen.

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